how to create your own web page

Raus aus dem Kopf 

Praktische Tipps für den Alltag

Die Nummer 1 Volkskrankheit, an der wir Deutschen leiden, ist Verkopfung. Auch wenn ich viele Jahre im Ausland verbracht habe, leide ich noch immer an Kopfproblemen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn wenn die Gedanken aufhören, dann nimmt auch das Leid ein Ende.  

Wenn ich aus irgendeinem (oder ohne) Grund unglücklich, besorgt oder gestresst bin, dann ist das Gefühl kurzzeitig weg, wenn ich einen Moment lang nicht daran denke. Mein Kopf drängt sich aber immer schnell wieder auf mit dem Gedanken, dass ich über das Problem nachdenken muss, um es zu lösen. Das ist Quatsch, denn ständiges Grübeln führt zu keiner Lösung. Eine Situation ändert sich nicht, indem ich mir Sorgen darüber mache.

Meditation

Meditation ist bekanntlich eine gute Methode, um wilde Gedankenflüsse zu zähmen, bis sie nur noch ein dünnes, leise dahinplätscherndes Rinnsal werden. Es gibt verschiedene Arten der Meditation. Mich im Schneidersitz hinzusetzen und die Augen zu schließen ist für mich nicht die beste Art. Die Herausforderung ist zu groß, denn, wenn ich die Augen schließe, verselbstständigt sich mein Kopf erst recht. Ich hab’s auch schon im Liegen ausprobiert – wenn mein Kopf mir sagt, Sitzen ist zu ungemütlich. Das ist zwar bequemer aber genauso schwierig. Also experimentiere ich mit kreativen Ideen, um meinen unaufhörlichen Gedanken Einhalt zu gebieten.

Rückwärts durch den Wald

Um den Kopf frei zu kriegen gehe ich oft im Wald spazieren. Manchmal ist mein Kopf aber so voll, dass ich vor lauter Wald die Bäume nicht sehe und dann geht mein Körper den Waldweg entlang, während ich in meinem Kopf ganz wo anders bin.

Neulich kam ich dann auf eine gute Idee. Ich ging einfach rückwärts!

Manchmal muss man im Leben ein paar Schritte rückwärtsgehen, um voranzukommen.

Probiere es einfach mal aus. Es ist unmöglich, rückwärts zu laufen und dabei in Gedanken wo anders zu sein. Bei ganz hartnäckigem Gedankenbefall gehst du am besten nicht durch den Wald, sondern eine vielbefahrene Straße entlang.

Lauthals singen

Wenn ich auf der Autobahn durch einen Tunnel rasen muss, kriege ich oft Platzangst. Weil ich in meinem Leben zu viele Actionfilme gesehen habe, spielt mein Kopf mir vor meinem inneren Auge außerdem oft ein erschreckendes Szenario ab, in dem ich die Kontrolle über das Steuer verliere, gegen die Tunnelwand krache, mein Auto sich überschlägt und explodiert.

Da kein Weg am Tunnel vorbeiführt und Bremsen und Halten – um darüber nachzudenken, wie das Problem jetzt am besten zu lösen ist – auf Autobahnen nicht nur verboten, sondern auch ziemlich gefährlich ist und „Augen zu und durch“ noch schlimmere Folgen haben könnte, dachte ich mir etwas Neues aus.

Genaugenommen dachte ich es nicht aus. Es kam spontan aus dem Bauch, wie alle guten Ideen und Lösungen: Radio aus (funktioniert im Tunnel sowieso nicht) und lauthals singen.

Wenn ich alleine Auto fahre singe ich Capoeira-Lieder. Als ich vor Kurzem (im April) mit meiner Mutter unterwegs war, sang ich Weihnachtslieder und sie sang sogar mit. Der Tunnel war in Österreich und sehr lang und so mussten wir alle Lieder mehrmals singen. „Oh du fröhliche“ jauchzte ich frohlockend, als das Licht am Ende des Tunnels zu sehen war und sich meine schwitzenden, vor Verkrampfung schon ganz tauben Hände am Lenkrad langsam entspannen konnten.

Wer mit dem Kopf das Leben lenkt neigt zum Tunnelblick. Der Kopf ist der Ort, wo Ängste und Sorgen entstehen, die wie Scheuklappen unseren Blickwinkel begrenzen und unsere Handlungsfreiheit im Alltag einschränken. Wir müssen aufpassen, welches Bild- und Filmmaterial wir unserem Kopfkino zur Verfügung stellen und auf die Stimme im Off achtgeben – der Kommentator unseres Lebens.

Kopfkino

Bei der traditionellen Schneidersitz-Meditation geht es nicht darum, die Gedanken auszuschalten, sondern, sie zu beobachten und wie kleine Wölkchen am Himmel vorbeiziehen zu lassen. Dadurch distanzieren wir uns von unserem Gedankenstrom, anstatt uns darin zu suhlen und wahllos hin- und hertreiben zu lassen vom Sog des eigenen Kopfes.

Anstatt den Fernseher einzuschalten, schaue ich manchmal Kopfkino. Ich schließe die Augen und schaue vor der Leinwand meiner Imagination einen Film. Dabei bin ich Hauptdarstellerin und Regisseurin in einem. Ich kann zurückspulen, Szenen verändern, Leute erfinden…

Probiere es mal aus! Wenn du übst, bewusst nur positive und beflügelnde Sequenzen zu kreieren, dir Zukunftsvisionen auszumalen, Werbepausen einzublenden und umzuschalten, trainierst du die Kontrolle über deine Gedanken- und Gefühlswelt. Das ist Visualisierung vom Feinsten.

Denken wird in unserer Kultur überbewertet. Unablässiges Grübeln schränkt massiv ein. Wahre Freiheit beginnt jenseits der Gedanken. 

Wenn du weitere Ideen hast, um sich vom kontinuierlichen (und destruktiven) Denken zu befreien, dann schreibe mir gern eine E-Mail und ich erweitere den Artikel. Leider hat meine Website bisher keine Kommentarfunktion für Blog-Posts.

--

Eine meiner Leserinnen schrieb: „Der Schluss ist missverständlich... Die Fähigkeit zu Denken macht ja den Menschen als Geschöpf aus und schenkt ihm Freiheit. Aber unkontrollierte Gedanken, Gedanken, die dich kontrollieren und nicht anders herum, ständiges Grübeln und all das, das hält einen gefangen und macht einen Menschen unfrei. Und das hört sich an nach einem Plädoyer für die Waldorf-Pädagogik. Denn Steiner hat sich schon vor 100 Jahren klar dazu geäußert, wie schädlich zu kopflastige Erziehung ist und dass es wichtig ist, dass Kinder lernen im Hier und Jetzt tatkräftig zu sein."

Genau so meinte ich das :)

Selbstverständlich bin ich nicht der Meinung, dass das Denken an sich einschränkt. Die größten Denker der Geschichte waren immerhin Denker. Doch wenn wir uns mit unserem Denken identifizieren und keine Kontrolle darüber haben, dann schränken wir uns selber ein. Je mehr Abstand wir zu unserem Denkapparat haben und je mehr Kontrolle über die Gedanken, desto freier sind wir, weil wir dann aus einem höheren Bewusstsein heraus handeln, als die Gedanken es sind.

Und wenn in der Waldorfschule Kinder so etwas lernen, dann ist das nur zu befürworten.



© Anne-Marie Sterr 2020
Privacy Policy