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Emotionale Überreaktionen

Wo sie herkommen und wozu sie dienlich sind

Gestern hatte ich wieder so eine Situation, in der ich – von außen betrachtet – unverhältnismäßig reagiert habe. Von innen betrachtet war alles ganz „normal“. Da aber „normal“ normalerweise bedeutet, der Wahrnehmung und Meinung der Mehrzahl entsprechend, war meine Reaktion – von außen betrachtet – eher unnormal. Eine Überreaktion. Also, was ist passiert? 

Ich hatte eine Freundin um einen Gefallen gebeten. Nichts Unnormales. Jedoch hat es mich eine riesen Überwindung gekostet, überhaupt zu fragen, da allein die Möglichkeit, dass sie mir den Gefallen ausschlagen würde, für mich bereits ein Risiko darstellte. Denn es drohte die Gefahr, überproportional verletzt zu werden. Warum? Weil zurückgewiesen zu werden ein Trigger für mich ist.

Was sind Trigger?

Trigger sind wie Schalthebel, oder Knöpfe – rote Alarmknöpfe. Wenn sie betätigt werden, gehen die Sirenen los und es herrscht höchste Alarmstufe: Die Welt droht unterzugehen. Deswegen empfiehlt es sich, Trigger zu vermeiden. Warum diese Vermeidungsstrategie jedoch nicht immer funktioniert und auch nicht zu empfehlen ist, das erkläre ich dir weiter unten.

Jeder Mensch hat seine wunden Punkte – Triggerpunkte. Manche mehr, manche weniger. Einige dieser wunden Punkte sind vergleichbar mit Schürfwunden. Sie jucken ein bisschen, sind aber eher harmlos. Andere Wunden wiederum sind tiefe seelische Verletzungen, das sind die richtig schmerzhaften. Und sie sind gefährlich.

Diese Triggerpunkte sind im Wesentlichen emotionale Minen. Wenn jemand versehentlich darauf tritt, gehen sie hoch und hinterlassen ein Feld der Verwüstung. Oft wird dabei auch derjenige verletzt, der nichtsahnend auf die Mine trat.

Trigger wecken unterbewusste Erinnerungen an vergangene Verletzungen, die noch nicht geheilt sind. Deshalb sieht die Reaktion – von außen – unverhältnismäßig aus. Ich frage jemanden um einen Gefallen, derjenige lehnt ab. Eine ganz „normale“ Situation. Wenn ich dann aber „unnormal“ reagiere und zum Beispiel in Tränen ausbreche und mich zutiefst verletzt zeige oder abrupt abwende und zu keiner Kommunikation mehr bereit bin, dann ist das eine Triggersituation.

Wie gehe ich mit Triggern um?

Der Ursprung eines Triggers ist „normalerweise“ ein emotionales Trauma, das wir aus unserem Bewusstsein verdrängen. Deswegen ist es so schwierig, Triggersituationen zu vermeiden. Wir wissen nämlich oft gar nicht, was es genau ist, was wir vermeiden wollen. In den meisten Fällen werden emotionale Wunden durch Menschen verursacht, unsere Eltern, Lehrer, Freunde und Partner.

Das Herz zu verschließen ist der Versuch, einen Glaskasten um den Triggerknopf zu bauen, damit er nicht mehr betätigt werden kann. Der Versuch, das Risiko, verletzt zu werden zu minimieren, führt dann dazu, tiefe Beziehungen zu Mitmenschen zu vermeiden. Wir zeigen uns nicht mehr verletzlich und machen uns unangreifbar, unantastbar vielleicht sogar unnahbar. So schließen wir den Schmerz der Vergangenheit in unser geschlossenes Herz ein und leiden mehr denn je, denn irgendwann kommt der Schmerz der Einsamkeit hinzu. Außerdem verschließen wir das Herz nicht nur für potenzielle Verletzungen, sondern auch für Freude, Frieden und Glück.

Triggersituationen oder Beziehungen zu vermeiden ist eine kurzfristige Bewältigungsstrategie, jedoch keine nachhaltige Lösung. Außerdem sind diese Situationen Hilferufe der Seele, die regelrecht danach schreit, endlich geheilt zu werden. Die Wunden aus der Vergangenheit zu heilen ist ein grundlegender Schritt für die persönliche Weiterentwicklung. Um Liebe, Freude, Begeisterung und inneren Frieden empfinden zu können ist es unerlässlich, das Herz zu öffnen. Jedes Mal, wenn ein Trigger auf eine Wunde aufmerksam macht, bietet sich eine Gelegenheit dazu. Wenn das verletzte Herz geöffnet wird, tut es erst mal weh, das ist wie wenn man Alkohol auf eine offene Wunde tupft, um sie zu desinfizieren. Ganz normal.

Gehen Trigger irgendwann von alleine weg?

Trigger gehen nicht einfach weg. Im Gegenteil, die Wunde verschlimmert sich, mit jedem Mal, dass Salz in sie hineingerieben wird. Traumata wiederholen sich so lange im Leben, bis wir uns ihnen annehmen und sie heilen. Die Heilung ist ein langwieriger Prozess, weil es dafür keine einwöchige Antibiotikakur gibt und sich die Wunden auch nicht einfach herausschneiden lassen.

Das Herz heilt sich selbst durch sein eigenes Mitgefühl. Jedes Mal, wenn wir Trigger erkennen und uns unseren Wunden zuwenden und Mitgefühl für uns selbst empfinden, heilen wir ein Stückchen. Jedes Mal, wenn wir unser verletztes Herz öffnen, können wir ein bisschen Traurigkeit, Angst und Schmerz im warmen Tränenbad lösen und herausziehen wie kleine Spreißel. In die dunklen Abgründe des Unterbewusstseins Verdrängtes kommt an das Licht des Bewusstseins, wo es integriert und geheilt wird. Das ist bei Weitem nicht angenehm, aber langfristig der einzige Weg. Denn niemand wird mit verschlossenem Herzen jemals wirklich glücklich.

Trigger und negative Glaubenssätze

Meine besagte Freundin war also nicht bereit, mir den Gefallen zu tun, um den ich sie gebeten hatte und ich fühlte mich hängengelassen und zurückgewiesen. Sofort setzten Selbstzweifel ein und das Gefühl, als Mensch nicht gut genug zu sein. 

Triggersituationen stehen nämlich in enger Verbindung mit unseren negativen Glaubenssätzen. Wer „unverhältnismäßig“ reagiert, fühlt sich meistens ungeliebt, nicht gut genug, wertlos. Warum fühlte ich mich so verletzt, als meine Freundin mir keinen Gefallen tun wollte? Es ging dabei nicht um den Gefallen an sich. Die Situation erinnerte mich unbewusst an den Moment, in dem ich gelernt habe, dass ich „alleingelassen bin und es nicht verdient habe, unterstützt zu werden, weil ich nicht gut genug bin“. Unsere Glaubenssätze über uns selbst bilden sich früh in der Kindheit und werden zu dem Filter, durch den wir unsere Welt wahrnehmen. Positive Glaubenssätze sind dabei sehr dienlich, negative wiederum hinderlich.

Filter der Wahrnehmung

Es gibt keine objektive Realität in unserer Welt. Was als „normal“ gilt ist wie bereits erwähnt eine kulturelle und gesellschaftliche Norm, die von der Mehrheit etabliert wurde. Auch wenn die meisten in ein und demselben Kulturkreis versuchen, sich dieser vorgegebenen und künstlich kreierten Norm anzupassen, erleben und empfinden wir dennoch alle das Leben durch den Filter unserer ganz persönlichen Wahrnehmung. Dieser Filter ist jedoch von gesellschaftlichen Normen geprägt, denn wir werden als Kinder alle einer Erziehung unterzogen, die sich an gesellschaftlichen Werten und Normen orientiert. So wird die Familie zum Mikrokosmos der Gesellschaft und der persönliche Filter zur Verinnerlichung der familiären Prägung.

Deswegen muss jeder in sich selbst die Veränderungen vornehmen, die er in der Welt sehen will. Wenn ich den Filter meiner Wahrnehmung reinige, dann nehme ich mich selbst anders war und dadurch auch die Welt. Nur so kann ich zu einer „besseren“ Welt beitragen.

Trigger heilen, Filter reinigen

Das Herz zu öffnen und die Ursachen der Trigger zu heilen ist essentiell, um an die Wurzel der negativen Glaubenssätze zu gelangen, die unser Leben so schwermachen. Diese unheilsamen Glaubenssätze – durch das eigene Bewusstsein und Mitgefühl sich selbst gegenüber – aufzulösen und durch heilsame Glaubenssätze zu ersetzen entspricht der Reinigung des Wahrnehmungsfilters. Wer schon einmal einen Filter gereinigt hat weiß, dass dabei ein Haufen Dreck herauskommt. Den Bewusstseinsfilter zu reinigen ist nicht anders. Der ganze emotionale Schlamassel, die Angst, die Verletzung, die Verzweiflung und so weiter, kommen zum Vorschein. Wer den Glaubenssatz hat, ein Versager zu sein, wird sich wie ein Versager fühlen, während er den Versager-Filter putzt. Lass dich davon nicht entmutigen – es ist ganz „normal“.

Oft fällt es uns genau deswegen so schwer. Wir bemühen uns, an unserem Bewusstsein zu arbeiten und unsere Wunden zu heilen und fühlen uns dabei elend. Wenn wir mitten drin stecken in den trüben Gewässern unserer Filterputzerei sehen wir auch unseren Fortschritt häufig gar nicht. Doch ganz allmählich wird es heller und leichter in uns und um uns herum. Es eröffnet sich eine neue Dimension der Wahrnehmung, in der Glück und Begeisterung in das Herz zurückkehren und sich auf einmal das ganze Leben ändert. Weil wir uns geändert haben.



© Anne-Marie Sterr 2020
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