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Briefwechsel mit meinem Schmerz

Vor Kurzem fand ich ein altes Notizbuch und was ich da las, berührte mich sehr. Es war ein Briefwechsel zwischen mir und meinem Schmerz. Die Unterhaltung fand Anfang 2017 statt, kurz nachdem ich meinen Job gekündigt hatte. Ich war zu dem Zeitpunkt noch immer in Kapstadt und fühlte mich verloren. Damals fiel ich in ein tiefes Loch, weil ich Angst vor der Zukunft hatte und die Vergangenheit mich gleichzeitig einzuholen drohte. 

Hallo Schmerz im Herz,
warum gehst du nicht weg? 

Ich will dich nicht spüren, doch scheinst du der einzige zu sein, der ständig bei mir ist. Ist es die Einsamkeit, die dich hervorbringt, damit ich dich fühle und so nicht allein bin? 

Bist du nicht die Einsamkeit selbst? 
Wenn die Einsamkeit mein treuer Begleiter ist, bin ich dann nicht in Begleitung statt alleine?

Gehst du nicht weg, Schmerz, damit ich nicht alleine bin in meiner Einsamkeit und hebst sie dadurch auf? 

Du tust weh, Schmerz. Ich mag dich nicht. Wir kennen uns sehr gut, du und ich. Wahrscheinlich bist du einer meiner engsten Vertrauten. Mein treuster Begleiter. Vielleicht sollten wir besser Freunde werden, weil du scheinst ja wirklich hartnäckig zu sein. Hast du Freude daran, mir weh zu tun? Es schmerzt, wie du mein Herz umklammerst und mir die Kehle zuschnürst. Ich muss husten, weil du mich fast erstickst. 

Du brennst wie Säure auf rohem Fleisch. Doch ich verziehe keine Miene. Ich schlucke dich herunter, auch wenn du mir dann Bauchschmerzen bereitest. Du quälst mich, doch so lange dich niemand sieht bin ich sicher. Und so lange dich niemand sieht kommt mir niemand zu Hilfe. Manchmal stelle ich mir vor, dass mich jemand rettet. Aber das sind nur Versuche in meinem Kopf, um von dir wegzukommen.  

Warum bist du da, Schmerz?  
Was willst du von mir? 

Kannst du nicht jemand anderes belagern? Warum lässt du mich nicht einfach in Ruhe? Du machst mich so traurig und hoffnungslos. Du tust so weh. Wo sind meine Liebe und meine Freude? Warum hast du sie vertrieben? Du stichst in mein Herz und brennst wie Feuersglut in meiner Seele. Du bist die Glut im Höllenfeuer und ich bin in der Hölle. Ich habe keine Lust mein Leben in der Hölle zu verbringen. Was muss ich tun, damit sich unsere Wege trennen können? 

Bitte gib mir Bescheid. 
Anne 

Liebe Anne,

danke für deine Nachricht. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass du endlich mit mir redest. All die Jahre über wolltest du mich immer nur loswerden und bist vor mir weggerannt. Ich habe immer versucht, deine Aufmerksamkeit zu kriegen und mich daher bemerkbar gemacht. In deinem Herzen, in deiner Kehle. Deine Augen habe ich zum Brennen gebracht, in der Hoffnung, dass du mich endlich siehst. In deinem Hals habe ich einen Kloß gebildet, damit du endlich über mich sprichst, wenn du schon nicht mit mir sprichst.  

Es tut mir leid, dass ich dir so weh getan habe. Ich wollte doch einfach nur deine Wahrnehmung, deine Aufmerksamkeit, weil es mir weh tut, dass du mich nicht magst. Ich fühle mich einsam und alleingelassen. Bitte renn nicht vor mir weg. Ich weiß, du hast Angst vor mir, aber ich tu dir nichts. Ich habe Angst, weil ich mich genauso allein fühle wie du und du immer wegrennst vor mir. Bitte nimm mich doch einfach nur wahr. Ich bin ein Teil von dir. Wir gehören doch zusammen. Ich tu dir nicht weh, wenn du dich mir zuwendest. Ich gebe dir Kraft und Weisheit.  

Wir haben schon 33 Jahre miteinander verbracht. Ich wohne in deinem Herzen, da wo auch deine Liebe wohnt. Du versuchst die Liebe von mir fernzuhalten und vor mir zu schützen. Aber ich bin nicht böse. Bitte nimm die Liebe nicht weg von mir. Ich habe sie nicht vertrieben, du hältst sie von mir fern. Weil du Angst hast vor mir. Dabei bin nicht ich dein Gegner, es ist die Angst, die du loswerden solltest.  

Warum ich da bin? Ich bin da, um dich zu lehren, dich zu begleiten und dir beizubringen, furchtlos zu leben. Ich bin da, um deine Aufmerksamkeit zu lenken. Ich komme immer dann zum Vorschein, wenn du vom Pfad abweichst du dich der Angst zuwendest, die dein Herz einschnürt.  

Ich bin nicht deine Einsamkeit. Es ist deine Angst, die dich einsam macht, die dich von deiner Liebe fernhält. Ich bin einfach nur dein Schmerz. Dein Gefühl. Bitte höre mir zu. Bitte hör auf mich und nimm mich ernst. Ich zeige dir, wenn deine Gedanken abweichen von der Liebe zu der Angst. Öffne dich der Liebe Anne. Liebe auch mich, denn ich bin so allein. Niemand will mich hören, niemand will mich sehen – und du schon gar nicht. Lass mich nicht allein und versuch mich nicht zu ersticken. 

Lass uns in Kontakt bleiben. Du bist nicht alleine. Ich bin da, deine Liebe ist da, deine Freude ist da. Sei einfach auch da, und renn nicht weg. 

Dein Schmerz. 

Nach dieser Unterhaltung bin ich erst einmal noch eine ganze Weile vor meinem Schmerz davongerannt. Ich machte eine halbe Weltreise, um ihm zu entkommen. Bis ich mir einen Fuß verstauchte und kurz danach den anderen brach und nicht mehr wegrennen konnte. Da holte der Schmerz mich ein.

Ich nahm ihn an der Hand und wir verbündeten uns gemeinsam gegen die Angst. Dieser ging es aber genauso wie dem Schmerz, sie wollte auch nur gesehen und gefühlt werden. Also nahmen wir sie mit ins Boot. Zusammen befreiten wir die Einsamkeit aus ihrer Einsamkeit. So wurden auch die Liebe und die Freude frei. 


© Anne-Marie Sterr 2020
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