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Auf der Suche nach den verlorenen Gefühlen

„Alles was du willst, ist auf der anderen Seite der Angst.“

Mir begegnen oft Menschen, die Schwierigkeiten darin haben, ihre Gefühle wahrzunehmen und ihnen Ausdruck zu verleihen. Insbesondere in unserem Kulturkreis sind wir sehr auf das analytische Denken ausgerichtet. Wir denken, darum sind wir – denken wir. Doch das ist viel zu kurz gedacht. Denn wir sind in erster Linie fühlende Wesen mit der Fähigkeit zu Denken und nicht etwa andersherum.  

Gefühle sind die Würze des Lebens. Sie verleihen unseren Erfahrungen den Geschmack. Zum Leben gehören die positiven wie die negativen Emotionen. Ein Leben an der Sonnenseite ist nur möglich, wenn wir die Schattenseite miteinbeziehen.

Wir können absichtlich vor unseren Gefühlen davonrennen. Aber es ist auch möglich, ganz unfreiwillig den Zugang zur eigenen Gefühlswelt zu verlieren. Wenn wir schmerzhafte Emotionen – bewusst oder unbewusst – unterdrücken, verlieren wir auch die Möglichkeit, tiefe Freude zu empfinden. Und wenn unsere Gefühle komplett abhandengekommen sind, wird alles, was wir erleben, fad wie Nudeln ohne Soße.

Gefühle vs. Gedanken

Als ich zwanzig war plagte mich die Frage, wie ich Gefühle von Gedanken unterscheiden könnte. Ich dachte, ich fühlte. Ich dachte, dass ich fühlte. Aber ich wusste, dass ich nur dachte. Ich fühlte nicht. In meiner Gefühlswelt gab es nur bitteren Schmerz, der immer wieder tsunamiartig über mich hineinbrach, oder die süße Milde des stumpfen Nicht-Fühlens – die Gedankenwelt, in der mich die Angst vor den bedrohlichen Gefühlen gefangen hielt. Gedanklich konnte ich mir angenehme Gefühle ganz gut herbeidenken. Aber ich fühlte sie nicht, ich dachte sie. 

Mein Leben erschien mir sinnlos und leer. Mir war rätselhaft, worum es im Leben eigentlich geht. Ich wusste – intuitiv – dass etwas ganz Essenzielles fehlte. Auf der Suche danach reiste ich von der einen Seite der Welt auf die andere, zog von der einen Stadt in die nächste und wurde nirgends fündig. Überall begegnete ich Menschen, die Leichtigkeit ausstrahlten, Lebensfreude versprühten, deren Augen vor Begeisterung blitzten und ich verstand nicht, warum ich einfach nicht in der Lage war, all das auch zu empfinden.

Trauma und Seelenverlust

Wenn ich aus meinem Leben erzählte wurde mir oft gesagt, dass ich viele Traumata erlebt hätte. Das war mir auch klar. Ich wusste, dass ich in meiner Kindheit und auch später einige Erlebnisse hatte, die nicht schön waren. Aber sie stellten eben meine Normalität dar und welche Auswirkungen sie auf mein Bewusstsein hatten, war mir nicht bekannt. Ich konnte mich immerhin nicht an die Gefühle erinnern, die ich damals hatte. In meinem Gedächtnis gab es lediglich Fragmente von Bildern. Es war gar nicht genug Bewusstsein in mir vorhanden, um begreifen zu können, was mit mir los war. Meine Gefühle waren mir verloren gegangen. Meine Psyche hatte sie abgespalten, als diese nicht in der Lage war, sie zu verarbeiten.

Schamanen sprechen von Seelenverlust, wenn ein Mensch Trauma erleidet. In der Psychologie spricht man von Dissoziation. In manchen Fällen gehen die kompletten Erinnerungen an traumatische Erlebnisse verloren, manchmal werden auch bloß die Bilder und erlebten Gefühle voneinander getrennt. Doch weder Erinnerung noch Emotion sind jemals gänzlich verschwunden. Auch wenn sie dem Bewusstsein nicht zugänglich sind, so sind sie dennoch im Körper und im Unterbewusstsein gespeichert.

Flucht, Kampf oder Erstarren

Wenn Menschen und Tiere einer unmittelbaren Bedrohung ausgesetzt sind, setzt der Kampf-oder-Flucht-Reflex ein. Sollte jedoch weder Kampf noch Flucht eine Option sein, sind wir der Gefahr vollkommen hilflos ausgeliefert. In diesem Fall erstarren wir. Der Körper stellt sich darauf ein, zu sterben. Die überwältigenden Gefühle wie Angst, Panik und Entsetzen werden nicht wahrgenommen, sie werden dissoziiert. Körper und Geist trennen sich, sodass mitunter auch körperliche Schmerzen nicht mehr wahrgenommen werden. In der traumatischen Situation ist das ein äußerst wirksamer Überlebensmechanismus, der uns davor bewahrt, unseren Verstand zu verlieren. Wird das traumatische Erlebnis im Nachhinein jedoch nicht verarbeitet, kommen irgendwann die Folgeerscheinungen zum Vorschein und das geschieht oft erst Jahre später. Dazu gehören zum Beispiel Depression, Apathie, innere Leere, Angstzustände, Panikattacken, Schlafstörungen, Phobien, Suchtprobleme und andere selbstzerstörerische Verhaltensweisen.

Unbewusste Erinnerungen an abgespaltene Gefühle

Bestimmte Schlüsselerlebnisse, sogenannte Trigger, können Erinnerungen wieder hervorholen. So können in einer – von außen betrachtet – banalen Situation eine negative Emotion und Reaktion zum Vorschein kommen, die vollkommen übertrieben und fehl am Platz erscheinen.

Ich hatte oft unkontrollierbare, plötzliche Ausbrüche von emotionalen Überreaktionen. Bestimmte Situationen triggerten in meiner Psyche unbewusste Erinnerungen an schmerzhafte Erlebnisse. Die Traumata wurden so immer wieder reinszeniert, ohne dass es mir bewusst war. Mir war nicht klar, was mit mir passierte. Ich dachte, ich wäre einfach ein schrecklicher Mensch und versuchte krampfhaft den Schmerz, die Angst, die Panik in mir zu behalten, denn ich schämte mich.

Ich schämte mich dafür, eine Heulsuse zu sein, so kompliziert und so empfindlich. Folglich versuchte ich auch die Scham in mir zu behalten. Ich baute einen Panzer um mich, damit niemand merken würde, was für ein Chaos ich in mir hatte. Ich fühlte mich nicht „richtig“, so wie ich war. Insbesondere, wenn mir von Außenstehenden gesagt wurde, dass meine Wahrnehmung komplett falsch wäre. Dabei war ich gar kein „schlechter“ Mensch mit einer „falschen“ Wahrnehmung. So etwas gibt es überhaupt nicht. Mein Gehirn spielte einfach immer und immer wieder den Film des emotionalen Traumas ab – und das war meine erlebte Realität.

Je mehr ich gegen meine negativen Gefühlsausbrüche ankämpfte, desto häufiger kamen sie vor. Ich war auf der Suche nach meinen Gefühlen und jedes Mal, wenn sie riefen: „Hier sind wir!“, schaute ich weg. Ich wollte die positiven Emotionen aufspüren, mein Glück finden und mich nicht immer nur schrecklich fühlen oder betäuben. Ich wollte positiv denken, fröhlich und optimistisch sein, so wie die anderen Leute da draußen. Ich versuchte, mir mit Affirmationen Licht und Liebe einzureden aber das half nicht gegen meine innere Dunkelheit.

Doch in dieser Dunkelheit lag der Schatz versteckt, nach dem ich suchte. In meiner inneren Leere sollte ich die Fülle meiner Seele finden. Der Weg ans Licht führt durch die Dunkelheit.

Widerstand gegen negative Gefühle

Irgendwann wurde meine Verzweiflung so groß, dass ich sie in Mut verwandelte. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, denn das meiste von mir war sowieso schon weg. Also beschloss ich, mich auf die Suche nach meinen verlorenen Seelenteilen zu machen und meine Wunden zu heilen. Mein Weg führte durch mein inneres dunkles Tal. Eine Schamanin half mir dabei, einen bedeutsamen Seelenteil in meinen Körper zurückzuholen. Weitere Teile folgten im Laufe der Zeit, je sicherer ich mich in mir selbst fühlte. Die Seelenteile sowie all die Emotionen zu integrieren, die mit ihnen verschwunden waren, war eine große Herausforderung.

Zuerst musste ich mich der Angst vor meinen schrecklichen Gefühlen stellen. Denn Angst bildet einen Widerstand, eine Art Mauer um die Gefühle. Wenn wir keinen Widerstand leisten und sowohl die Angst als auch die dahinter verborgenen Schmerzen bereitwillig fühlen, dann vergehen sie und in uns entsteht Raum für andere Gefühle. Doch wir können immer nur so viel fühlen und verarbeiten, wie unsere Psyche aushalten kann. Es ist wie wenn ein Fass, das am Überlaufen ist, Eimer für Eimer abgeschöpft wird.

„Alles was du willst, ist auf der anderen Seite der Angst“, hat irgendjemand mal gesagt. Die Angst, die dir den Zugang zu deinen negativen Gefühlen versperrt, hält gleichzeitig die positiven gefangen. Die Furcht trennt dich von deinen Gefühlen. Sie ist der Staudamm, der dich davon abhält, im Fluss deines Lebens in Flow zu kommen. Der erste Schritt, um die verlorenen Gefühle wiederzufinden ist daher, einen mutigen Schritt auf die Angst zuzugehen.

Zurück zu den Gefühlen

Angelegenheiten des Gefühllebens können nicht ausschließlich durch den Verstand geklärt werden. Informationen und kognitives Verstehen von Zusammenhängen der Psychologie bilden einen theoretischen Rahmen, um Gefühle verstehen zu können. Sie rational zu begreifen bewirkt jedoch keine Heilung auf der Gefühlsebene. Im Gegenteil, wir laufen die Gefahr, uns noch weiter in die Gedankenwelt zu flüchten und dem Fühlen aus dem Weg zu gehen.

Gefühle sind durch den Körper erlebbar. Wenn wir als unangenehm empfundene und gesellschaftlich geächtete Gefühle bewusst verdrängen oder unfreiwillig dissoziieren, entstehen Energieblockaden im Körper, die irgendwann zu physischen Symptomen führen können. Diese wiederum ermöglichen Zugang zu abgekapselten Emotionen. Wenn wir unseren Körper hineinfühlen, können wir verlorene Gefühle wiederfinden. Wenn wir lernen, dass unsere Gefühle selbst keine Bedrohung darstellen, dann fühlt sich die Seele im Körper wieder sicher. Dann finden unsere zerbrochenen Teile ihren Weg zurück nach Hause.

Emotion ist Schöpferkraft

Ohne Emotion geht unsere eigene Ausdruckskraft, unsere Schöpferkraft verloren. Gefühle sind die Sprache der Seele und diese spricht durch den Körper. Als Seelen sind wir alle Teil des Göttlichen und unsere Aufgabe ist es, zu schöpfen. Wir erschaffen die Welt durch unser Denken und Fühlen, dadurch, wie wir unsere Energie fokussieren und welche Perspektive wir einnehmen. Oft ist die Rede von der Kraft der Gedanken, aber die Gedanken alleine sind machtlos ohne die Energie der Gefühle.

Deswegen ist es so wichtig, die Emotionen aus den Klauen der Angst zu befreien. Dann können wir die Kraft unserer Gefühle nutzen und unser Leben so gestalten, wie es uns beliebt. In der Fähigkeit zu fühlen und das Leben intensiv in all seinen Geschmacksnuancen wahrzunehmen, liegt die Freiheit, nach der wir uns alle tief in unserem Innersten sehnen. Die Erfüllung - die Erfühlung - nach der unsere Herzen verlangen, erreichen wir, wenn wir die Fülle unsere Seele fühlen können.


© Anne-Marie Sterr 2020
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