Mobirise

Angst – Ein Virus infiziert die Welt

  Ein wirksames Heilmittel gegen Angst ist Milde. 
(Seneca)

Der Coronavirus hat die Welt auf den Kopf gestellt. Gleichzeitig breitet sich ein weiterer Virus aus, der die Köpfe unserer Spezies infiziert hat. Er nennt sich Angst. Diese führt zu gefährlichen Begleiterscheinungen und kann ganz schnell chronisch werden.  Was hat es mit der Angst auf sich und was kannst du dagegen tun? 

Wie Angst funktioniert 

In erster Linie ist Angst ein Instinkt, der zum Erhalt des Lebens dient. Wenn das Überleben des Menschen gefährdet ist, sendet das Gehirn ein Alarmsignal aus und der Körper stellt um auf Kampf, Flucht oder Erstarren. Dieser lebenserhaltende Reflex ist Teil der nervlichen Grundausstattung seit Anbeginn der Menschheit.

Wenn Alarm herrscht, dann schießt Adrenalin durch den Körper wie ein Blitz und er wird zu Höchstleistungen befähigt, um zu kämpfen oder wegzurennen – oder um zu erstarren, sollte weder Rennen noch Kämpfen möglich sein. Nachdem die Gefahr gebannt ist und der Körper die Kräfte genutzt hat, die in ihm durch das Adrenalin (und andere Stresshormone) entstanden sind, entspannt er sich und der Hormonspiegel pendelt sich wieder ein. Das Nervensystem reguliert sich und das Leben geht friedlich weiter. Als Notfallsystem hat Angst einen wichtigen Platz im Gehirn eines jeden Lebewesens. Doch wird dieses System missbraucht oder überlastet, kann das schwerwiegende Folgen haben.

Wie wirkt sich Angst aus?

Unser Lebensstil hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, unser Gehirn funktioniert aber noch genauso wie vor zigtausend Jahren. Seit jeher ist Angst ein praktischer Begleiter, der uns in akuten Gefahrensituationen das Überleben sichert. Das Gehirn und das Nervensystem können jedoch nicht unterscheiden, ob eine reale, akute Gefahr droht oder ob es sich nur um imaginäre Flucht-oder-Kampf-Situationen handelt. Der Körper reagiert mit denselben Stresshormonen, wenn wir uns bloß vorstellen, von einem tollwütigen Hund angefallen, von einem Kriminellen überfallen oder einem tödlichen Virus befallen zu werden. Der Unterschied ist: Wir rennen nicht weg und wir kämpfen nicht. Wir chillen weiterhin auf der Couch, während unser Körper darauf eingestellt ist, zu rennen oder zu kämpfen. Dieser nicht abgebaute Stress bleibt in den Körperzellen gespeichert und macht sich dort früher oder später als Schmerz oder Krankheit bemerkbar.

Im Angst-Modus ist es nicht möglich, gänzlich zu entspannen. Wir sind unruhig und rastlos. Oftmals schlafen wir schlecht und haben Verdauungsprobleme. Manchmal wird es sogar eng in der Brust und das Herz schlägt schnell. Wir atmen flach und fühlen uns wie benebelt. Das Gehirn denkt nicht kreativ oder innovativ. Nicht einmal die Logik und Vernunft sind dem Menschen zugänglich, wenn er sich in Angst und Panik befindet. Wenn der Körper auf Angst eingestellt ist, dann geht es nur um eines: Wegrennen, Kämpfen oder Erstarren. Und wenn wir uns rund um die Uhr bedroht fühlen, stehen wir ständig unter Stress und sind in unserer Denk- und Handlungsweise stark eingeschränkt. 

Warum Vernunft nichts bringt

Unser gesunder Menschenverstand unterscheidet uns von Tieren. Aber wenn wir auf Angst und Panik gepolt sind, ist er uns nur eingeschränkt zugänglich. Panik und Vernunft sitzen in zwei verschiedenen Arealen des Gehirns. Wenn unser Gehirn auf Angst umstellt, setzt das rationale Denken weitgehend aus. Wir verhalten uns oftmals entgegen jeder Logik und haben einen begrenzten Blickwinkel auf die Welt. Deswegen ist es zwecklos, an die Vernunft zu appellieren, wenn Panikstimmung herrscht. Wer vom Angst-Virus befallen ist, muss auf einer anderen Ebene heilen. Lies weiter und finde heraus, was du tun kannst, wenn du oder jemand in deinem Umfeld unter Angstsymptomen leidet.

Selbstsicherheit und Selbstvertrauen

Wer Angst hat will einfach nur Sicherheit. Menschen sind Herdentiere. Wir fühlen uns sicher, wenn wir zusammen sind, einander helfen und unterstützen können. Eine Umarmung sorgt dafür, dass das überstimulierte Nervensystem sich beruhigt und vermittelt das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit (es sei denn du bist traumatisiert in Punkto Körperkontakt).

Was aber, wenn die Angst vor einer Ansteckung mit einem potenziell tödlichen Virus so groß ist, dass wir den Kontakt zu Menschen meiden und uns nicht einmal mehr die Hand reichen? Wie können wir uns in Sicherheit wägen, wenn wir unsere Mitmenschen als Bedrohung wahrnehmen?

Wir müssen lernen, uns in uns selbst sicher und geborgen zu fühlen. Selbstsicherheit ist wie ein Impfstoff, der den Angst-Virus fernhält. Sich selbstsicher zu fühlen bedeutet, sich selbst zu vertrauen. Dazu gehört beispielsweise das Vertrauen, dass der Körper stark genug ist, um den Coronavirus abzuwehren. Oder auch das Vertrauen in den eigenen Instinkt und die Intuition.

Sich selbst Gesellschaft zu leisten in den Momenten der Angst bewirkt, dass sie sich auflösen kann. Das bedeutet, die Angst zu fühlen und nicht wegzudrücken.

Wir können unserem Körper das Gefühl von Sicherheit vermitteln, indem wir ihm signalisieren, dass keine Gefahr besteht, zum Beispiel durch den Atem. Bei Kampf, Flucht oder Erstarren wird der Atem kurz und flach. Tiefes langes Ausatmen hingegen entspannt Körper und Geist. So kommen wir wortwörtlich wieder "zu uns".

Verbundenheit gibt Sicherheit. Die Verbindung zu sich selbst, zur eigenen Seele, ist die Grundvoraussetzung für Selbstsicherheit. Die Corona-Krise zwingt uns gerade dazu, uns zurückzuziehen und einen Gang herunterzuschalten. Dies ist eine gute Gelegenheit, um nach innen zu kehren und sich tiefgründiger mit der Beziehung zu sich selbst auseinanderzusetzen. 

Wenn wir selbstsicher auftreten können wir auch unseren Mitmenschen Sicherheit vermitteln, egal, ob wir nun direkten Kontakt haben oder aus der Ferne.

Im Hier und Jetzt ankommen

Wer unter dem Virus der Angst leidet, wird misstrauisch und sieht ständig und überall Risiken und Gefahren. Alles, was jedoch nicht im Hier und Jetzt eine akute Gefahr darstellt, ist genaugenommen eine imaginäre Bedrohung. Je größer die Bedrohung, desto größer die Angst. Das ist ein logischer Zusammenhang. Wird die Angst jedoch größer als die unmittelbare Gefahr, dann wird diese imaginär aufgebauscht und entbehrt jeder Logik.

Unser menschliches Gehirn hat die tolle Fähigkeit, zukünftige Ereignisse zu antizipieren und bestimmt dadurch Denk- und Handlungsweisen. Diese Funktion ist genauso wie der Angst-Modus im emotionalen Bereich des Gehirns verankert. Das bedeutet, wer sich fürchtet blickt der Zukunft ängstlich entgegen und wer angstvolle Erwartungen hat, vergrößert sein Empfinden von Angst in der Gegenwart.

Sich zurückzubesinnen auf den gegenwärtigen Moment ist daher eine gut geeignete Übung, um gedankenerzeugte Angst zu heilen. Sich in der Sicherheit des Augenblicks zu wägen beruhigt Körper und Geist. 

Übe, dich im Hier und Jetzt zu verankern. Atme tief durch und fühle deine Füße auf dem Boden, deinen Popo auf dem Sofa. Richte deinen Fokus ganz auf diese Berührung. Sei dir gewahr, was in dir und um dich herum geschieht. Hier und jetzt. Das ist der gegenwärtige Augenblick. Komm jederzeit hierher zurück, wenn du merkst, dass du dich fürchtest. Dann rennst du nicht weg vor deiner Angst oder unterdrückst sie auch nicht, sondern integrierst sie. Du nimmst sie bewusst wahr und so verliert sie ihre Bedrohlichkeit. Denn häufig ist die Angst vor der Angst die größere Bedrohung als die Angst selbst.

Empathie und Mitgefühl

Was die aktuelle Corona-Krise betrifft steht fest, wir Menschen sollen direkten Kontakt meiden. Die innere Haltung dazu macht jedoch einen entscheidenden Unterschied für unser Wohlbefinden. Isolieren wir uns, aus Angst, infiziert zu werden und am Virus zu sterben? Oder halten wir uns von unseren Mitmenschen fern, um sie zu schützen, im Falle, dass wir selbst den Erreger weitergeben, auch wenn wir keine Symptome haben?

Angst entzweit. Wer vom Angst-Virus befallen ist misstraut seinen Mitmenschen und wird egoistisch. Mitgefühl hingegen verbindet. Wer Mitgefühl für seine Mitmenschen empfindet, übernimmt Verantwortung und trägt zu Wohlbefinden und Genesung bei.

Die Fähigkeit des Einfühlungsvermögens liegt im höher entwickelten Gehirnareal, dort wo auch die Vernunft ansässig ist. Wer sich konstant im Angst-Modus befindet, denkt hauptsächlich an sich selbst und sein eigenes Überleben. Solidarität und Mitgefühl für die Gemeinschaft haben dort keinen Platz.

Das nächste Mal, wenn du Menschen begegnest, die sich mit fünf Packungen Klopapier, zehn Kilo Mehl und einem Jahresvorrat an Seife eindecken, ärgere dich nicht und mache dich nicht (zu sehr) über sie lustig. Sie sind dermaßen verängstigt, dass sie nicht mehr rational denken können. Sie haben nur noch ihr Überleben im Sinn – und das ihrer eigenen Familie. Weiter reicht ihr Horizont nicht, da sie durch die Scheuklappen ihrer eigenen Furcht blicken. Es ist dieselbe Angst, die der amerikanische Präsident hat, wenn er versucht, einen Impfstoff allein für sich und sein Volk zu kriegen.

Habe Verständnis dafür, dass Menschen die sich fürchten, irrational handeln. Denn wenn du Verständnis zeigst, nutzt du automatisch denjenigen Gehirnbereich, der auch dein Einfühlungsvermögen steuert.  Wenn du Mitgefühl zeigst, sei es mit dir selbst oder anderen, dann heilst du von der Angst – dich selbst sowie andere. Mitgefühl kann übrigens geübt werden! Zum Beispiel durch die buddhistische Metta-Meditation.

Der Coronavirus ist selbstverständlich eine Bedrohung, die nicht unterschätzt werden darf. Jedoch darf sie unseren gesunden Menschenverstand nicht ausschalten. Wir sollten sie als Anlass nehmen, um Solidarität und Mitgefühl zu praktizieren und nicht, um in Angst, Egoismus und Misstrauen zu verfallen.



© Anne-Marie Sterr 2020
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